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Niacin

Für Energiegewinnung und Fettsäurestoffwechsel

Niacin gehört zu der Gruppe der B-Vitamine und ist wasserlöslich. Das Vitamin wird vorrangig in der Leber, den roten Blutkörperchen (Erythrozyten) und in den Geweben gespeichert.

Welche Funktionen hat Niacin?

Niacin ist ein Sammelbegriff für die beiden Substanzen Nicotinsäure und Nicotinsäureamid (Nicotinamid), die im Körper in einander umgewandelt werden können. Sie sind Bestandteile der aktiven Formen des Vitamins, der Coenzyme NAD (Nicotinamid-Adenin-Dinucleotid) und NADP (Nicotinamid-Adenin-Dinucleotid-Phosphat). Beide sind entscheidend an der Energiegewinnung durch den Abbau von Kohlenhydraten, Fett und Protein beteiligt. Außerdem sind sie am Aufbau verschiedener Substanzen, z. B. Fettsäuren, beteiligt. Neben der Aufnahme durch die Nahrung kann Niacin auch durch den Abbau der Aminosäure Tryptophan gewonnen und dem Körper zur Verfügung gestellt werden. Für die Niacinversorgung ist daher nicht nur der Gehalt des Vitamins in Lebensmitteln von Bedeutung, sondern auch deren Protein- bzw. Tryptophangehalt. In diesem Zusammenhang spricht man von Niacinäquivalenten (1 Niacinäquivalent [NÄ] = 1 mg Niacin = 60 mg L-Tryptophan). Nahrungsproteine enthalten durchschnittlich etwa 1 % Tryptophan.

Wie viel Niacin sollte täglich aufgenommen werden?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt eine Zufuhr von 13 mg Niacinäquivalente pro Tag für Frauen und 16 mg für Männer (Tabelle 1). Die sichere tägliche Höchstmenge liegt laut Scientific Committee on Food für Erwachsene bei 10 mg Nicotinsäure bzw. 900 mg Nicotinamid pro Tag.

Tabelle 1: Empfehlungen für die Niacinzufuhr

Alter Empfohlene Zufuhr
(mg-Äquivalente/Tag)a (1)

Tolerable Upper
Intake Level
(mg/Tag)f,g (2)

  m w  
Säuglinge
0 bis unter 4 Monateb 2 k.A.
4 bis unter 12 Monatec 5 k.A.
Kinderc
1 bis unter 4 Jahre 8 2/150
4 bis unter 7 Jahre 9 3/220
7 bis unter 10 Jahre 11 10 4/350
10 bis unter 13 Jahre 13 11 6/500
13 bis unter 15Jahre 15 13 6/500
Jugendliche und Erwachsenec
15 bis unter 19 Jahre 17 13 8/700
19 bis unter 25 Jahre 16 13 10/900
25 bis unter 51 Jahre 15 12 10/900
51 bis unter 65 Jahre 15 11 10/900
65 Jahre und älter 14 11 10/900
Schwangered
2. Trimester   14 k.A.
3. Trimester   16 k.A.
Stillendee   16 k.A.

a 1 mg Niacinäquivalente = 1 mg Niacin = 60 mg Tryptophan
b Schätzwert
c Zugrunde gelegt wurden die alters- und geschlechtsspezifischen Richtwerte für die Energiezufuhr.
d Unter Berücksichtigung des Richtwerts für Frauen von 19 bis unter 25 Jahren (PAL-Wert 1,4) und Zulage von 250 kcal/Tag während des 2. Trimesters und von 500 kcal/Tag während des 3. Trimesters der Schwangerschaft.
e Unter Berücksichtigung des Richtwerts für Frauen von 19 bis unter 25 Jahren (PAL-Wert 1,4) und Zulage von 500 kcal/Tag für ausschließliches Stillen während der ersten 4 bis 6 Monate.
f Sichere Höchstmenge, die bei täglicher, lebenslanger Zufuhr aus allen Quellen (Lebensmittel und Supplemente) kein Risiko für Gesundheitsbeeinträchtigungen darstellt.
g 1. Wert: Nicotinsäure, 2. Wert: Nicotinamid (12,5 mg/kg Körpergewicht und Tag)
k. A.= keine Angabe

In welchen Lebensmitteln ist Niacin enthalten?

Niacin ist in Lebensmitteln weit verbreitet. Gute Quellen sind Hefe, Nüsse, Vollgetreide, Hülsenfrüchte, Ölsamen und Pilze (Tabelle 2). Bei Lebensmitteln tierischer Herkunft enthalten Innereien, Fleisch und Fisch große Mengen an Niacin.

Lebensmittel Niacin
(mg/100 g)
Pfifferling (getrocknet) 57,6
Hefe 17,4
Erdnuss 15,3
Austernpilz 10,0
Kürbiskerne 7,8
Naturreis 5,2
Weizenmehl (Vollkorn) 4,8
Champignons (Zucht) 4,7
Pinienkerne 4,5
Mandel 4,1
Ziegenweichkäse (45% Fett i. Tr.) 3,5
Aprikose (getrocknet) 3,3
Buchweizen 2,9
Saubohnen (reif) 2,6
Linsen 2,5
Sojafleisch 2,5
Erbsen (grün) 2,5
Grünkohl 2,1
Kohlrabi 1,8
Zuckermais 1,7
Topinambur 1,3
Camembert (30% Fett i. Tr.) 1,2
Avocado 1,1

Worauf sollte geachtet werden?

Niacin ist relativ stabil gegenüber Hitze, Sauerstoff und UV-Licht (Sonnenlicht). Die Zubereitungsverluste, vor allem durch Auslaugen über das Kochwasser, liegen bei etwa 10-25 %. Daher ist es – wie auch bei anderen wasserlöslichen Vitaminen – sinnvoll, das Kochwasser weiter zu verwenden. Allerdings ist v. a. das in Getreide enthaltene Niacin komplex gebunden und wird daher nur teilweise aufgenommen (4).

Wie äußert sich ein Niacinmangel?

Ein Niacinmangel ist in Industrieländern sehr selten und tritt praktisch nur als Folge von Erkrankungen (z. B. Magersucht, Alkoholismus) auf. Bei langfristiger Unterversorgung mit Niacin kommt es zur Niacinmangelkrankheit Pellagra („raue Haut“), die unbehandelt zum Tode führt. Das Leitsymptom der Pellagra sind entzündliche Hautveränderungen (Dermatitis), die bei Sonneneinstrahlung entstehen und an Sonnenbrand erinnern. Weitere Mangelsymptome sind Erbrechen, Durchfall sowie Störungen des Nervensystems, wie Schlaflosigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen und Depressionen. Pellagra kommt heute vor allem in Bevölkerungsgruppen in Entwicklungsländern vor, die sich überwiegend von Mais oder Sorghumhirse ernähren (beide Getreide sind arm an Niacin und Tryptophan). Meist ist Pellagra mit einer generellen Mangelernährung verbunden.

Wie sind Vegetarier und Veganer mit Niacin versorgt?

Die Niacinaufnahme von Vegetariern ist meist niedriger als bei Mischköstlern, liegt jedoch durchschnittlich über den Zufuhrempfehlungen. Ähnliches gilt für Veganer, sodass auch beim vollständigen Meiden tierischer Lebensmittel keine Gefahr einer Unterversorgung besteht (5; 6).

Fazit

Niacin ist als Coenzym wichtig für die Energiegewinnung aus dem Abbau der Hauptnährstoffe. Der Bedarf kann in Form von niacin- und tryptophanhaltigen Lebensmitteln gedeckt werden. Vegetarier und Veganer sind ausreichend mit dem Vitamin versorgt.

    

Interessante Fakten zu Niacin

  • Don Gasper Casal, Hofarzt des spanischen Königs Ferdinand VI., beschrieb 1735 erstmals die Pellagra unter armen Bauern im Nordwesten Spaniens (7).

  • Der Arzt Joseph Goldberger, Mitarbeiter des US Public Health Service, zeigte 1915, dass eine Ausweitung der damals einseitigen Kost (durch mehr tierische Lebensmittel und Gemüse) die Pellagra in Waisenheimen praktisch zum Verschwinden brachte (7). Damit war der Beweis erbracht, dass es sich um eine Ernährungsmangelkrankheit handelte.

  • Ende der 1930er Jahre heilten die US-amerikanischen Mediziner Paul Fouts sowie Tom Spies unabhängig voneinander Pellagra-Patienten durch die Gabe von Nikotinsäure (8).

  • In sehr hohen Dosen (3-6 g pro Tag, unter ärztlicher Aufsicht!) senkt Nicotinsäure die Cholesterin- und Triglyzeridspiegel, wobei jedoch häufig Nebenwirkungen auftreten (9).

  • Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät generell von der Verwendung von Nicotinsäure als Nahrungsergänzungsmittel in überhöhter Dosis (> 100 mg pro Tag) ab. Nebenwirkungen zeigen sich bereits ab einer Tagesdosis von 30 mg (10).

Literatur

1   Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), Österreichische Gesellschaft für Ernährung (ÖGE), Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE) (2015): Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Neuer Umschau Buchverlag, Neustadt a. d. Weinstraße, 2. Aufl.
2 Scientific Committee on Food (SCF) (2006): Tolerable upper intake levels for vitamins and minerals. Brussels, p. 129
3 Elmadfa I, Aign W, Muskat E, Fritzsche D (2012): Die große GU Nährwert Kalorien Tabelle. Gräfe und Unzer, München, 2. Aufl.
4 Elmadfa I, Leitzmann C (2015): Ernährung des Menschen. Ulmer, Stuttgart, 5. Aufl. S. 441 u. 443
5 Leitzmann C, Keller M (2013): Vegetarische Ernährung. Ulmer, Stuttgart, 3. Aufl. S. 206
6 Davey GK (2003): EPIC-Oxford: lifestyle characteristics and nutrient intakes in a cohort of 33 883 meat-eaters and 31 546 non meat-eaters in the UK. Public Health Nutr 6 (3), 259-269
7 Rajakumar K (2000): Pellagra in the United States: a historical perspective. South Med J 93 (3), 272-277
8 Lanska DJ (2009): Historical aspects of the major neurological vitamin deficiency disorders: the water-soluble B-vitamins. In: Finger S (ed): History of neurology. Elsevier, Amsterdam. p. 456
9 Leitzmann C, Müller C, Michel P, Brehme U, Triebel T, Hahn A, Laube H (2009): Ernährung in Prävention und Therapie. Hippokrates, Stuttgart, 3. Aufl. S. 70
10 Bundesinstitut für Risikobewertung (2012): Die Einnahme von Nicotinsäure in überhöhter Dosierung kann die Gesundheit schädigen. Stellungnahme Nr. 018/2012 des BfR vom 06.02.2012