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Vitamin B1

Für Energiegewinnung und Nervensystem

Vitamin B1, auch Thiamin genannt, gehört zur Gruppe der wasserlöslichen B-Vitamine. Der Körperbestand an Thiamin (30 mg) liegt vor allem im Muskel, aber auch in Leber, Niere und Gehirn vor.

Welche Funktionen hat Vitamin B1?

Die biologisch aktive Form von Thiamin ist das Thiamindiphosphat (TDP, frühere Bezeichnung auch Thiaminpyrophosphat [TPP]), das als Coenzym für die Energiegewinnung, vor allem aus Kohlenhydraten, fungiert. Zudem spielt Thiamin vermutlich eine wichtige Rolle im Nervensystem, etwa bei der Reizweiterleitung.

Wie viel Vitamin B1 sollte täglich aufgenommen werden?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt eine tägliche Vitamin-B1-Zufuhr von 1,0 mg für Frauen und 1,3 mg für Männer (Tabelle 1). Eine sichere Höchstmenge kann aufgrund fehlender Daten lt. Europäischer Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) nicht festgelegt werden. Überdosierungen wurden bei üblicher Zufuhr über Lebensmittel und Supplemente bisher nicht beschrieben (2).

Tabelle 1: Empfehlungen für die Vitamin-B1-Zufuhr (1)

Alter Empfohlene Zufuhr
(mg/Tag)
  m w
Säuglinge
0 bis unter 4 Monatea 0,2
4 bis unter 12 Monateb 0,4
Kinder und Jugendlicheb
1 bis unter 4 Jahre 0,6
4 bis unter 7 Jahre 0,7
7 bis unter 10 Jahre 0,9 0,8
10 bis unter 13 Jahre 1,0 0,9
13 bis unter 15 Jahre 1,2 1,0
15 bis unter 19 Jahre 1,4 1,1
Erwachseneb
19 bis unter 25 Jahre 1,3 1,0
25 bis unter 51 Jahre 1,2 1,0
51 bis unter 65 Jahre 1,2 1,0
65 Jahre und älter 1,1 1,0
Schwangerec
2. Trimester   1,2
3. Trimester   1,3
Stillended   1,3

a Schätzwert
b Zugrunde gelegt wurden die alters- und geschlechtsspezifischen Richtwerte für die Energiezufuhr.
c Unter Berücksichtigung des Richtwerts für Frauen von 19 bis unter 25 Jahren (PAL-Wert 1,4) und Zulage von 250 kcal/Tag während des 2. Trimesters und von 500 kcal/Tag während des 3. Trimesters der Schwangerschaft.
d Unter Berücksichtigung des Richtwerts für Frauen von 19 bis unter 25 Jahren (PAL-Wert 1,4) und Zulage von 500 kcal/Tag für ausschließliches Stillen während der ersten 4 bis 6 Monate.

In welchen Lebensmitteln ist Vitamin B1 enthalten?

Vitamin B1 kommt in fast allen Lebensmitteln pflanzlicher und tierischer Herkunft vor. Besonders reichhaltig an Thiamin sind Sonnenblumenkerne, Paranüsse, Sesam und Amaranth (Tabelle 2). Auch Schweinefleisch enthält hohe Mengen des Vitamins. Wie bei fast allen B-Vitaminen sind auch die Thiamingehalte besonders in Keim und Randschichten von Getreide hoch. Vollkornprodukte leisten daher, im Gegensatz zu Weißmehlprodukten, einen wichtigen Beitrag zur Vitamin-B1-Zufuhr (4).

Tabelle 2: Vitamin-B1-Gehalt vegetarischer Lebensmittel (Auswahl) (3)

Lebensmittel Thiamin (mg/100 g)
Sonnenblumenkerne 1,9
Paranuss 1,0
Sojabohnen (reif) 1,0
Sesam 0,8
Amaranth 0,8
Erbsen 0,76
Kondensmagermilch (ungezuckert) 0,7
Pistazienkerne 0,69
Buchweizen (Vollmehl) 0,58
Linsen 0,48
Naturreis 0,41
Hühnerei 0,13
Sojamilch 0,12
Getrocknete Feige 0,11
Schwarzwurzel 0,11
Kartoffel 0,1

Worauf sollte geachtet werden?

Der Vitamin-B1-Bedarf des Menschen ist nicht konstant, sondern insbesondere vom Energieumsatz abhängig. Bei vermehrter körperlicher Aktivität steigt auch der Thiaminbedarf (4). Vitamin B1 ist wasserlöslich und sehr hitzeempfindlich. Die Thiaminverluste bei der Zubereitung von Gemüse sind abhängig von der Garmethode: 25-65 % beim Kochen, 5-50 % beim Dämpfen und 2-20 % beim Dünsten. Da die Empfindlichkeit gegenüber UV-Licht ebenfalls hoch ist, sollten Vitamin-B1-haltige Lebensmittel dunkel gelagert werden (5).

 

Wie äußert sich ein Vitamin-B1-Mangel?

Die Vitamin-B1-Mangelkrankheit Beriberi war bereits 2.500 v. Chr. in China bekannt. Sie ist damit die älteste dokumentierte Mangelkrankheit (5). Ursache ist eine unzureichende Vitamin-B1-Zufuhr, besonders durch hohen oder ausschließlichen Verzehr von poliertem Reis, wie noch heute in manchen Entwicklungsländern üblich. In extremen Fällen führt dies zu Beriberi, mit Störungen des Herz-Kreislauf-Systems (Vergrößerung des Herzmuskels, beschleunigter Herzrhythmus, Atemnot u. a.) und des Nervensystems (Polyneuritis, Muskelschwäche und -schmerzen, Koordinationsstörungen u. a.). In Industrieländern sind vor allem Alkoholkranke von Vitamin-B1-Mangel betroffen, der sich im Wernicke-Korsakoff-Syndrom äußern kann (mit Verwirrung, Gedächtnisverlust, irreversiblen neurologischen Schäden bis hin zum Tod bei fehlender Behandlung). In Deutschland und anderen Industrieländern tritt ein ernährungsbedingter Mangel an Vitamin B1 nur in Einzelfällen auf (4; 5).

 

Wie sind Vegetarier und Veganer mit Thiamin versorgt?

Vitamin B1 zählt zu den Vitaminen, die von Vegetariern und Veganern meist in höheren Mengen aufgenommen werden als von Mischköstlern (6; 7). In Deutschland erreichen 21 % der Männer und 32 % der Frauen nicht die empfohlene Vitamin-B1-Zufuhr (8).

Fazit

Vitamin B1 übernimmt wichtige Funktionen bei der Energiegewinnung und vermutlich auch im Nervensystem. Ein klinischer Thiaminmangel kommt in den Industrieländern nur äußerst selten vor. Vegetarier und Veganer sind meist gut mit Vitamin B1 versorgt.

     

Interessante Fakten zu Thiamin

  • Die Vitamin-B1-Mangelkrankheit Beriberi wurde erstmals in den 1630er Jahren durch den niederländischen Arzt Jacobus Bontius während seines Aufenthalts auf Java (Holländisch Ostindien) beschrieben (9).

  • Der japanische Marinearzt Takaki Kanehiro beobachtete in den 1880er Jahren, dass ein großer Teil der einfachen Marinesoldaten an Beriberi litt. Anders als die Offiziere ernährten sie sich vor allem von weißem Reis. Durch eine Verbesserung der Verpflegung mit mehr Fleisch, Milch, Brot und Gemüse konnte er den Anteil der Erkrankten drastisch reduzieren (10).

  • Im Jahr 1897 stellte der niederländische Militärarzt Christian Eijkmann auf Java fest, dass Beriberi-Symptome durch polierten Reis hervorgerufen und durch Reiskleie verhindert werden (5). Im Jahr 1929 erhielt er den Nobelpreis in Medizin für seine „Entdeckung des antineuritischen Vitamins“.

  • 1927 veranlasste der British Medical Research Council die Umbenennung des „Anti-Beriberi-Faktors“ in „Vitamin B1“ (5).

  • Die biologische Halbwertszeit von Vitamin B1 beträgt 9,5-18,5 Tage (4). Der Hauptausscheidungsweg ist der Urin, geringe Mengen werden auch über die Galle ausgeschieden (5).

Literatur

1   Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), Österreichische Gesellschaft für Ernährung (ÖGE), Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE) (2015): Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Neuer Umschau Buchverlag, Neustadt a. d. Weinstraße, 2. Aufl.
2 Scientific Committee on Food (SCF) (2006): Tolerable upper intake levels for vitamins and minerals. Brussels, p. 96
3 Elmadfa I, Aign W, Muskat E, Fritzsche D (2012): Die große GU Nährwert Kalorien Tabelle. Gräfe und Unzer, München, 2. Aufl.
4 Pietrzik I, Golly I, Loew D (2008): Handbuch Vitamine. Urban und Fischer, München. S. 42, 45, 50 u. 52
5 Elmadfa I, Leitzmann C (2015): Ernährung des Menschen. Ulmer, Stuttgart, 5. Aufl. S. 363 u. 429-433
6 Leitzmann C, Keller M (2013): Vegetarische Ernährung. Ulmer, Stuttgart, 3. Aufl. S. 206
7 Davey GK, Spencer EA, Appleby PN, Allen NE, Knox KH, Key TJ (2003): EPIC-Oxford: lifestyle characteristics and nutrient intakes in a cohort of 33 883 meat-eaters and 31 546 non meat-eaters in the UK. Public Health Nutr 6 (3), 259-269
8 Max Rubner-Institut (MRI) (Hrsg.) (2008): Nationale Verzehrsstudie II. Ergebnisbericht, Teil 2. Karlsruhe, S. 114
9 Lanska DJ (2009): Historical aspects of the major neurological vitamin deficiency disorders: the water-soluble B-vitamins. In: Finger S (ed): History of neurology. Elsevier, Amsterdam. p. 445
10 Sugiyama Y, Seita A (2013): Kanehiro Takaki and the control of beriberi in the Japanese Navy. J R Soc Med 106 (8), 332-334